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Ruhe im Karton

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Auch wenn die in einem Flugzeug dargebotene Kost sich - zumindest optisch -  nur marginal von der in einem Krankenhaus unterscheidet, werde ich tunlichst darauf bedacht sein, dass ich mein Essen, wenn es sich denn schon nicht anders einrichten lässt, innerhalb meiner Lebensbilanz zahlenmäßig öfter in 30.000 Fuß Höhe, als in der vermeintlich sterilen Umgebung eines Hospitals zu mir nehme.

Da gibt es den grünen und den grauen Star. Und es gibt den großflächigen, hufeisenförmigen Abriss mit Aderhautblutungen. Es gibt Lichtblitze, Rußregen, Gesichtsfeldeinengungen und Schatten im peripheren Blickfeld, die wie Insekten erscheinen. Manchmal wurde das Auge nach einer Netzhautoperation mit Gas, manchmal mit Silikonöl gefüllt. Manchmal wurde gespült, manchmal erfolgte nur ein Ölwechsel. Ich erlebte erblassende Augenärzte beim Anblick der Messergebnisse des Augeninnendruckes. Bei Bedarf wurden Kunststofflinsen eingesetzt und wieder entfernt. Es wurde geschnitten, genäht, geblendet, gelasert, g…

"Ich bring Dich um!"

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"Hallo!?"
  "Ja, hallo, also so geht das nicht. Du hast mich betrogen. Das Schiff ist auf ein Riff gelaufen und hat einen Riss im Rumpf"
  "Wie bitte? Wer spricht denn da?"
  "Ich bin der Bruder vom Käufer des Schiffes. Wir haben uns das Schiff nochmal genau angesehen. Das Unterwasserschiff ist stark beschädigt. Der Rumpf ist kaputt. Wir müssen den Kauf rückgängig machen."
  "Das Schiff ist beschädigt? Aber das kann nicht sein, ich habe es doch noch vor der Übergabe abgetaucht. Es ist nicht auf ein Riff gelaufen. Aber wieso ruft Bernd mich nicht selber an?"
  "Das Schiff ist kaputt und du nimmst es zurück, sonst komme ich her und dann bring ich dich um."

So in etwa verlief vorgestern das Telefongespräch zwischen dem Verkäufer unseres neuen Schiffes und einem unbekannten Anrufer, der sich als mein Bruder ausgegeben hat. Gefordert wurde die Rückgabe des Schiffes unter Hinweis auf grobe Mängel. Der Sprecher: männlich, akzentfr…

Kairos lebt!

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Die alten Griechen hatten Götter für jede nur erdenkliche Gelegenheit. Allein für die Zeit hatten sie derer gleich zwei; namentlich Chronos und Kairos. Salopp ausgedrückt war Chronos für die Quantität, also für die "Menge" der Zeit zuständig, während Kairos sich um die Qualität der Zeit zu kümmern hatte. Kairos gilt als "Gott der guten Gelegenheit". In verschiedenen Zeichnungen und Reliefs wird Kairos neben anderen Insignien mit einer Haartolle an der Stirn und einem kahlen Hinterkopf dargestellt. Das symbolisiert: warte den guten Augenblick ab, aber erkenne deine Chance und greife zu, wenn sie sich bietet. Der Ausspruch "die Gelegenheit beim Schopfe packen" lässt sich auf den griechischen Gott Kairos zurückführen. Ist die Gelegenheit erst verpasst, dann bietet sie sich kein weiteres Mal - man bekommt sie an dem kahlen Hinterkopf nicht mehr zu fassen.

Oder, um es mit Schiller zu sagen: 
„Was du dem Augenblicke ausgeschlagen,
Bringt keine Ewigkeit zurück.“

Ode…

Jäger und Sammler

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Vierundzwanzig Kilometer lang, zehn Kilometer breit, vom Wasser umschlossen und auf jeden Einwohner kommt mindestens ein Schaf. Die holländische Insel Texel ist die westlichste und größte der westfriesischen Inseln. Die Gemeinde bezieht ihre Einnahmen im überwiegenden Teil aus den Börsen der Touristen. Als überrannt würde ich das Eiland dennoch nicht bezeichnen; Spaziergänger verlaufen sich an dem fast dreißig Kilometer langen Sandstrand, der die Insel an der zur Nordsee gewandten Seite in zum Teil mehreren hundert Metern Breite säumt. Wenn man es darauf anlegt, kann man stundenlang stramm marschieren ohne jemandem zu begegnen.

Wir kommen gern in den kälteren Jahreszeiten hierher und lassen uns den Wind um die Ohren wehen. In den ersten Jahren waren wir manchmal als Sondengänger mit einem Metalldetektor am Strand unterwegs um verlorene Gegenstände zu orten, zu bergen, zu sammeln. Den größten Teil der Zeit allerdings sammelten wir metallenen Müll auf, der unter der Oberfläche des feine…

Weggefährten

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Manchmal kommt es anders als man denkt. Korrektur: meistens kommt es anders. Eigentlich sollte (und wollte) ich auf Texel bei meiner Familie sein, aber wenn ich jetzt durch die Masten in den Abendhimmel schaue, sehe ich einen Mond, den meine Lieben erst in etwa einer Stunde erblicken können.

  "Guten Tag. Wie ich sehe, haben wir die gleiche Richtung eingeschlagen. Was meinst Du, wollen wir ein Stück des Weges gemeinsam gehen?"
  "Das passt mir gut, ich geh` nicht gern allein. Woher kommst Du?"
  "Oh, mein Weg hatte viele Stationen. Aber was ist mit Dir, bist Du schon lange unterwegs?"
  "Mein ganzes Leben - aber verzeih, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Bernd. Wie ist Dein Name?"
  "Du kannst mich Glück nennen, mein Name ist Glück."

Jeder kann selbst entscheiden, mit wem er gehen möchte. Wenn alles wie geplant läuft, bin ich morgen Abend wieder auf Texel. Aber was sollte schon dazwischen kommen?






Eine spannende Zeit

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Kein Schiff, keine Website, kein Laden, kein Blog. Die vergangene Woche gehörte einzig und allein dem kleinen Bad im Erdgeschoss. Elektriker, Rückbauer, Fliesenleger, Tischler, Sanitär-, Gas- und Wasserinstallateur, Heizungsbauer, Maler und Maurer gaben sich die Klinke in die Hand und - seltsam - sie sahen allesamt irgendwie gleich aus.
Durch das Loch im Boden führte der alte Abfluss von der Toilette in den Keller. Ich war gerade dabei, dieses zu schließen, als Maria vorschlug, in diese Öffnung eine Zeitkapsel mit einzumauern. Hm, so ein Ding, das irgendwann von irgendjemanden gefunden wird und darin Hinweise findet, die typisch sind für die Zeit, in der diese Kapsel eingeschlossen wurde. Im Prinzip eine gute Idee, aber wenn ich wissen will, was für einen relevanten Zeitraum typisch ist, dann schaue ich ins Internet oder sehe mir Filme auf Kabel eins an. Darüber hinaus ist das Alter des Hauses zu berücksichtigen. Mehr als fünfzig Jahre hat es bereits auf dem Buckel und mit zunehmendem…